Was ist eigentlich ein Lastenheft?

Wie immer gibt es dazu auch eine wunderschöne Norm, und gemäß der DIN 69901-5 enthält das Lastenheft “die vom Auftraggeber festgelegte Gesamtheit der Anforderung an die Lieferung und Leistungen eines Auftragnehmers innerhalb eines Auftrags”.

So kann man es bezeichnen. Ich würde einfach das Ganze mal ein bisschen pragmatischer sehen: Das Lastenheft beschreibt in der Regel, womit und wofür etwas gemacht werden soll. Oder bezogen auf meine Schulungen und Trainings: Es ist am Ende des Tages das “Wünsch-dir-was” des Kunden aus seiner Sicht.

Firmen, die ein System direkt an den Nutzer verkaufen, haben in der Regel ein Produktmanagement. Aber im Gegensatz zu Unternehmen wie den Automobilzulieferern haben diese Firmen keinen Kunden der Lastenhefte vorgibt. Also ist es die Aufgabe des Produktmanagements, alle Anforderungen an das System zu sammeln und dann in ein Lastenheft für die Entwicklung zu kippen. Sozusagen das ‘Wünsch dir was’ des Produktmanagements.

Dem Lastenheft des Produktmanagements steht dann die Entwicklung eines Pflichtenheftes entgegen. Das Pflichtenheft ist sozusagen die Antwort der Entwicklung auf das Lastenheft. Nur leider ist meine Erfahrung, dass Lasten- und Pflichtenhefte nicht sauber auseinander gehalten werden. Manchmal werden sogar Lastenhefte ohne Sinn und Verstand kopiert und als Pflichtenheft deklariert. Nachher wundern sich alle, dass die Projekte schief laufen.

Was ist nun das Kernproblem, wenn wir über Lastenhefte reden:

  1. Lastenhefte werden mit allem möglichen vollgemüllt, auch mit nicht-technischen Anforderungen.
  2. Lastenhefte werden entweder zu oberflächlich beschrieben, oder es wird zu sehr ins Detail gegangen. Zum Beispiel wird Pseudo-Code verwendet, um Verhalten zu beschreiben, und der schränkt die Softwareentwickler massiv bei der Lösung ein.
  3. Lastenhefte werden in der Regel nicht wirklich gelesen, sondern oft nur kurz überflogen.
  4. Die Verantwortlichen für die Erstellung des Lastenhefts haben entweder keine Lust, keine Zeit oder keine Erfahrung, um ein gutes Lastenheft zu erstellen.
  5. Es ist immer schwierig, die wilden Kundenanforderungen einzufangen, da sie sich dauernd verändern.
  6. Nur wenige Entwickler lesen die Lastenhefte. Die meisten können und wollen sich damit nicht beschäftigen.
  7. Es gibt nur wenige, die das große Ganze des Systems sehen und die Zusammenhänge erkennen.
  8. Oft müssen wir innerhalb kurzer Zeit ein Lastenheft erstellen oder bewerten.
  9. Gerade bei kritischen Projekten wäre es entscheidend, wenn alle das gleiche Systemverständnis hätten.